Rückblick und Ausblick

Von Pfarrer Martin Herrmann.

 

Wieder ist ein Kalender sehr dünn geworden. Die letzten Blätter des alten Jahres sind gefallen. Das neue Jahr steht vor der Tür. Im Rückblick werden manche die vergangenen Monate in Gedanken ordnen und bewerten: Was war gut? Was hätte anders laufen müssen? Dann geht der Blick nach vorn mit andern Fragen: Was wird kommen? Wie werden sich die persönlichen Verhältnisse entwickeln Wohin bewegt sich die Weltpolitik? Gültige Antworten wird es erst beim nächsten Jahreswechsel geben. Die Zukunft ist offen.

 

Es ist gut, an Silvester innezuhalten und das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Der eigene Jahresrückblick wird zwar nicht im Fernsehen gezeigt, ist aber für uns persönlich viel wichtiger: Sich dankbar erinnern an die schönen Tage, aber auch an schwere Stunden, an Abschiede, an Schwierigkeiten. Im Nachdenken wird das, was wir erlebt haben, zu Erfahrungen, auf die wir im neuen Jahr aufbauen können.

 

Aber nehmen wir uns die Zeit für einen persönlichen Rückblick? Einfach mal innezuhalten und die Gedanken wandern lassen? Mir hilft die Vorstellung, wie im Zug der Zeit einmal rückwärts zu fahren. Die Zukunft im Rücken, das vergangene Jahr im Visier. Da tut sich die Landschaft vor einem auf. Sie rast nicht hastig vorbei wie so oft. Sie weitet sich vielmehr und gibt sich der Betrachtung preis. Was erkennen wir wieder? Durch welche Landschaften hat Sie das Jahr geführt? Ragen die Höhepunkte wie steile Berggipfel auf, markant und unvergesslich, oder spannt sich eine weite Ebene, ohne dass das Auge einen schnellen Halt finden kann? War es ein Jahr wie jedes andere? Oder war es ein besonderes Jahr für Sie? War es ein Wüstenjahr? Dürre und Mühsal? Oder blicken Sie auf reife Felder? Konnten Sie Früchte Ihrer Arbeit ernten? Ging es durch tiefe Täler, in die auch jetzt noch kein Licht fällt? Klaffen Gräben, die noch keiner zugeschüttet hat?

 

Welche Tage, welche Ereignisse blitzen auf, wenn Sie das Jahr Revue passieren lassen?

Welche leuchten und funkeln wie Perlen, sobald der Strahl der Erinnerung auf sie fällt? Welche sind unverwechselbar und kostbar und wie viele sind in Routine, im täglichen Einerlei vergangen und kaum mehr wiederzufinden? Nur einzelne ragen heraus. Andere blitzen aus ganz anderen Gründen. Sie gleißen und stechen und lassen den Schmerz wieder aufleben.

 

Aus persönlichem Erleben oder aus Betroffenheit über die aufwühlenden Nachrichten dieser Zeit: Das schreckliche Attentat in Berlin, die Not der Menschen in Syrien und in vielen anderen Teilen dieser Welt. Menschen auf der Flucht, drangsaliert, misshandelt, getötet. Christenverfolgungen in vielen Ländern dieser Welt, wie es sie in diesem Ausmaß bis jetzt noch nie gegeben hat – von uns und unserer westlichen Welt nahezu ignoriert! Mit Blut geschrieben sind die Bilder, die sich uns zeigen, oft schrecklich, verstörend. Auch diesen Blick sollten wir heute riskieren. Hinschauen, was außerhalb und abseits unseres persönlichen Erlebens in der Welt im Jahr 2016 geschehen ist.

 

Eigentlich möchte man den Blick lieber abwenden und nicht erinnert werden. Viele tun das. Ich kann es nicht, auch wenn ich manchmal ratlos und sprachlos bin. Aber nicht mutlos. Weil wir unsere Sorgen in Gottes Hände legen können. Und er uns wiederum mit der nötigen Energie versorgt, zu tun was zu tun ist. Ein leichtes Leben ist damit nicht garantiert, aber ein getrostes neues Jahr verbunden mit spannender Neugierde, was es alles bringen wird.

 

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