Den Grenzraum gemeinsam stärken

Fotos: Fotostudio Kraus
Im abschließenden Plenum wurden den rund 170 internationalen Gästen die konkreten Ergebnisse und Zielsetzungen der Arbeitskreise präsentiert.

Experten aus Ostbayern, Tschechien, Österreich, Slowenien und der Slowakei beraten bei den neunten „Marienbader Gesprächen“

Unter dem Motto „Europa entsteht an seinen Grenzen“ organisierte die Handwerks-kammer Niederbayern-Oberpfalz zum neunten Mal die „Marienbader Gespräche“.

Rund 170 Vertreter aus Unternehmen, Behörden und Institutionen trafen sich im tschechischen Marienbad. Die Experten aus Ostbayern, Tschechien, Österreich, Slowenien und der Slowakei diskutierten über einen gemeinsamen Wirtschaftsraum und vertieften ihre Beziehungen. Das Ziel der mittlerweile bewährten Gesprächsplattform war es, den grenzübergreifenden Wirtschafts- und Lebensraum zwischen den Metropolregionen München, Nürnberg, Prag und Wien weiter zu entwickeln und besser zu positionieren.

 

„Wie wichtig die grenzübergreifende Vernetzung von Institutionen und Kooperationspartnern ist, sieht man am großen, andauernden Interesse an den Marienbader Gesprächen“, sagte Hauptorganisatorin und Außenwirtschaftsberaterin Katharina Wierer. Gerade in Zeiten in denen Grenzen wieder verstärkt in den Fokus rückten, sei es wichtig, diese zu überwinden und über grenzübergreifende Projekte zu sprechen, so Wierer weiter.

 

„In den acht Jahren Geschichte der ‚Marienbader Gespräche‘ hat sich viel verändert und so manche Erleichterung für Betriebe und Arbeitnehmer in unserer gemeinsamen Region hat ihren Ursprung hier in Marienbad gehabt“, begrüßte der Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz Dr. Georg Haber die Teilnehmer. „Wir leben in einer wunderbaren und beneidenswerten Region in der Mitte Europas. Wir sollten die Chance nutzen, unsere jeweiligen wirtschaftlichen Stärken und Erfahrungen zusammenzuspannen“, so Haber.

 

In drei Arbeitskreisen präsentierten Referenten aus unterschiedlichen Regionen grenzüberschreitende Projekte und legten ihre Ziele dar. Eines der diesjährigen Schlüsselthemen war der einhellige, dringende Wunsch nach einer grenzüberschreitenden Infrastruktur für Verkehr, Breitband und Mobilfunk. Außerdem diskutierten die Grenzraum-Akteure unter anderem wie sich gemeinsame Ausbildungs- und Arbeitsmärkte weiter ausbauen und Hemmnisse, die grenzübergreifendes Arbeiten behindern, abbauen lassen.

 

Dass sich die grenzübergreifende Zusammenarbeit in einigen Punkten noch verbessern lässt, wurde in allen Arbeitskreisen deutlich. So dürften laut Ergebnissen des Arbeitskreises „Ausbildung und Arbeit im Handwerk“ bei der Fachkräftegewinnung keine Möglichkeiten ungenutzt gelassen werden. Die Politik müsse gezielt Anreize setzen, damit der Wirtschaft Fachkräfte in allen Qualifikationsebenen zur Verfügung stehen. Auch die Bereitschaft die Sprache des jeweiligen Nachbarlandes zu lernen, müsse durch entsprechende bildungspolitische Maßnahmen erhöht werden. Die Teilnehmer betonten außerdem die Wichtigkeit von Praxis- und Arbeitsmarktnähe in der beruflichen Bildung, die beispielsweise durch grenzüberschreitende Projekte mit hohem Praxisbezug gewährleistet werden könne. Um die junge Generation zu erreichen, sei es obendrein nötig, die Möglichkeiten der Digitalisierung im Ausbildungsmarketing und in der beruflichen Orientierung zu nutzen.

 

Im Arbeitskreis „Aktuelles aus der Grenzregion“ stellten die Teilnehmer fest, dass Verbesserungen in der grenzüberschreitenden Verkehrsinfrastruktur unerlässlich seien, um neue Absatzmärkte zu entwickeln und Kooperationen in der Wirtschaft zu fördern. Außerdem müssten Defizite in der Breitbandinfrastruktur und dem Mobilfunkausbau gerade auch in ländlichen Regionen, rasch abgebaut und in zukunftsfähige Technologien investiert werden. Nur so ließen sich die Chancen der Digitalisierung optimal nutzen. Darüber hinaus kamen die Anwesenden zu dem Schluss, dass sich das Fachkräfteproblem allein durch die Integration von Flüchtlingen nicht lösen lasse. Zwar böten Flüchtlinge Potentiale für Handwerksbetriebe, es müsse aber bewusst sein, dass dies mit entsprechenden Aufwendungen verbunden sei und Zeit brauche. Insgesamt waren sich die Teilnehmer einig, dass die Grenzregionen künftig stärker ihre gemeinsamen Interessen vertreten und als Einheit auftreten müssten.

„Wir müssen unsere Stärken und Erfahrungen zusammenspannen“ – darüber waren sich bei den Marienbader Gesprächen einig (v. li. n. re.): Hauptorganisatorin Katharina Wierer, Vizepräsident der Handwerkskammer Richard Hettmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Jürgen Kilger, Bürgermeister von Marienbad Petr Trešnák, Konsulin im Generalkonsulat der Tschechischen Republik in München Lydie Holinková, Wirtschaftsdelegierter der Wirtschaftskammer Österreich Christian Miller, Kammerpräsident Dr. Georg Haber, Kommerzialrat und Sprecher der Außenwirtschaftsberater Österreichs Manfred Stallinger, Konsulin im Generalkonsulat der Slowakischen Republik in München Nadežda Cisárová, Abteilungsleiter der Wirtschaftskammer Oberösterreich Dr. Robert Leitner, Generalkonsul der Tschechischen Republik in München Milan Čoupek, Ministerialrat im Bayerischen Wirtschaftsministerium Martin Grossmann, Vizepräsident der Handwerkskammer Konrad Treitinger.

Grenzübergreifende Themen in drei Arbeitskreisen – alle Teilnehmer konnten sich durch Vorträge, Fragen oder Diskussionsbeiträge aktiv einbringen.


Der Arbeitskreis „Hemmnisabbau – Erweiterung des Absatzmarktes für Handwerksleistungen“ war sich abschließend einig, dass weiterhin ein konsequenter grenzübergreifender Austausch zwischen Beratern und Institutionen über bestehende und neue Regulierungen nötig sei. Denn gerade für kleine und mittlere Unternehmen bestehe die Markteintrittsbarriere meist aus fehlenden Informationen über nationale Regelungen, Vorschriften und Normen. Die größte Hürde im grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehr liege demnach nicht unbedingt in den bürokratischen Anforderungen selbst, sondern viel mehr in fehlenden Kenntnissen. Sich gegenseitig zu informieren, sei deshalb elementar. Wünschenswert fänden die Teilnehmer außerdem regelmäßige Zusammenarbeit und intensiven Informationsaustausch von Behörden, über die Grenzen hinweg.

 

Der Generalkonsul der Tschechischen Republik in München PhDr. Milan Čoupek äußerte sich beeindruckt über die zielorientierte und kompetente Arbeit in den einzelnen Arbeitskreisen. Besprochene Themen wie Infrastruktur und Ausbildung seien für die Politik aller Grenzregionen gleichermaßen bedeutsam, so Čoupek.

 

Nadežda Čisárová, Vizekonsulin im Generalkonsulat der Slowakischen Republik in München, lobte das langjährige Fortbestehen der „Marienbader Gespräche“. Es zeuge vom großen Potenzial des gemeinsamen Lebens- und Wirtschaftsraumes. „Ich bin überzeugt, dass wir die grenzübergreifende Arbeit durch diesen Austausch langfristig verbessern können“, betonte Čisárová.

 

Der Bürgermeister der Stadt Marienbad Pettr Třešňák freute sich über den alljährlichen Besuch der Wirtschaftsexperten und hob die Notwendigkeit der grenzüberschreitenden Kooperation hervor. „Ob bei der Gesundheitsversorgung, der Infrastruktur oder dem Berufsschulnetz – wir brauchen die Zusammenarbeit in vielerlei Hinsicht.“

 

Die „Marienbader Gespräche“ vermittelten ein umfassendes Bild der laufenden Entwicklungen in der Grenzregion. Dabei lebte die Veranstaltung wie immer von der Mitarbeit aller Beteiligten. Die Ergebnisse und Forderungen der Arbeitskreise wurden am Abend im Plenum vorgestellt. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Jürgen Kilger resümierte: „Es geht in großen Schritten vorwärts, bei der Zusammenarbeit im Grenzraum. Das ist deutlich zu spüren und an den konkreten Zielformulierungen zu messen“, so Kilger. Würden alle Grenzraum-Akteure diese Ziele nun immer wieder wiederholen, weiter entwickeln und an die richtigen Stellen kommunizieren, werde man sie, früher oder später, auch erreichen.

 

Weitere Informationen zu den „Marienbader Gesprächen“ finden Sie auch im Internet unter www.hwkno.de/marienbadergespraeche.

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