Im Gedenken an Bürgermeister Johann Marx: Eine tragische Dorfgeschichte

Dankbares Gedenken an einen ehemaligen Bürgermeister von Hausheim - verfasst von Dr. Josef Kerschensteiner

"Am 25. Mai jährte sich zum 61. Mal der tragische Tod des ehemaligen Bürgermeisters von Hausheim, Johann Marx – Hausname „Wulf“. Er lebte von 1881 bis 1955 und war Bürgermeister in Hausheim vom 6. Februar 1927 bis zum 9. Mai 1941. Da ich diesem braven Mann mit großer Wahrscheinlichkeit mein Leben verdanke, möchte ich ihm, bevor ich selber meine letzte große Reise antrete, ein ganz herzliches und dankerfülltes Gedenken widmen.

 

Es war an einem schönen warmen Sommernachmittag in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ich war etwa 10 oder 11 Jahre alt und sollte eine unserer Kühe über den „Langerweg“ ins „Bareschpa“ bringen, wo meine Eltern arbeiteten.

Es war eine eigenwillige und unberechenbare Kuh, wie wir weder vorher noch nachher eine hatten. Laut Anweisung meiner Eltern sollte ich sie unterwegs, wenn sie wollte, ein wenig fressen lassen. Ich war also mit meiner Kuh oben auf den „Langerweg“ und ließ sie am Wegrand entlang immer wieder grasen. Damit ich die Hände frei hatte, legte ich mir den Strick, an dem ich die Kuh führte, in einer großen Schlinge um die linke Schulter und die Brust und ging so unmittelbar neben der Kuh her. Eine Zeit lang ging alles gut. Doch plötzlich warf die Kuh aus unerfindlichen Gründen den Kopf hoch, machte kehrt, riss mich mit herum und rannte Richtung Dorf zurück. Ich hatte keine Chance mehr, die Schlinge zu lösen oder gar, die Kuh anzuhalten. Weil ich gewissermaßen an sie gefesselt war, blieb mir nichts anderes übrig, als neben ihr herzulaufen, was die Beine hergaben. Aber mein Getrappel neben der Kuh schreckte sie noch mehr und so rannte sie schneller und schneller. Vorbei am Transformatorenhäuschen, dann die Straße zwischen Münch und Hofmann hinunter, am Hirtenhaus vorbei. Schon merkte ich, dass meine Kräfte nachließen. Die Schlinge um meine Brust zog sich immer enger zusammen. Ich bekam kaum noch Luft. In Todesangst lief ich um mein Leben. Ich wusste, wenn ich stürzte, war ich verloren. Ich war so eng an die Kuh gebunden, dass sie mich entweder tottrampeln oder zu Tode schleifen würde. Bis zu unserem Hof am anderen Ende des Dorfes hätte ich auf keinen Fall mehr durchgehalten. Da, in der höchsten Not, kam unten beim „Peterer“ Bürgermeister Marx mit seinem Gespann und dem Heuwagen um die Ecke. Er erkannte sofort die Gefahr, in der ich mich befand. Laut rufend und mit erhobenen Armen stellte er sich meiner wild gewordenen Kuh entgegen. Und tatsächlich, sie blieb stehen. Ich war gerettet. Zitternd und nach Luft schnappend löste ich die Schlinge um Brust und Schulter, während er die Kuh beruhigte. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich damals in meiner Aufregung bei ihm gebührend bedankt habe. Aber mein Leben lang habe ich ihm seine rettende Tat nicht verbessen und so wollte ich ihm wenigstens jetzt meinen Dank zum Ausdruck bringen.

 

Aber die Geschichte hat noch einen zweiten Teil, leider mit einem weitaus weniger erfreulichen Ausgang.

 

Viele Jahre waren vergangen, seit jenem denkwürdigen Sommernachmittag. Längst war ich dem Kindesalter entwachsen, hatte Krieg und Gefangenschaft überstanden und war nicht mehr zu Hause. Der Wulfen-Vater war alt geworden und schon lange nicht mehr Bürgermeister. 74-jährig lebte er auf seinem Hof im Austrag, bis sich am Mittwoch, den 25. Mai 1955, am späten Nachmittag sein Schicksal erfüllte.

 

Seit alters war es in Hausheim üblich, dass im Wonnemonat Mai die Haustiere aller Anwesen in großer Herde wieder auf die Gemeindeweide getrieben wurden. Das vollzog sich in strenger hierarchischer Ordnung. Zuerst kam der Kuhhirt und trieb seine Herde aus dem Dorf. Dann folgte der Schweinehirt und schließlich auch noch der Gänsehirt. Abends war die Reihenfolge umgekehrt. Um 6 Uhr kamen die Gänse wieder ins Dorf zurück. Kurz vor 8 Uhr kamen die Schweine und um 8 Uhr der Kuhhirt mit seiner Herde. Erstaunlicherweise fanden alle Tiere schon nach wenigen Tagen von selber in ihre Gehöfte und Ställe zurück. So war es all die Jahre während meiner Kindheit und so scheint es – wenigstens war die Kühe betrifft – auch 1955 noch gewesen zu sein.

Nun hatten sie „beim Wulfen“ eine Kuh, die sich nicht so recht in die große Herde einfügen wollte. Man ließ sie deswegen im Stall. Da der Austragsbauer und Altbürgermeister Johann Marx (Wulf) Zeit und Muße hatte, nahm er sich ihrer an und führe sie gesondert von der großen Herde allein auf die Weide. Er legte ihr ein Leitseil an, wickelte sich das Ende des Seils um die Hand (wie man später feststellte) und führte die Kuh in die „Diaplacha“, wo die Familie gleich hinter den Dorf, neben der Straße nach Berg, ein Grundstück hatte. Zumindest scheint dieses wohl das Ziel gewesen zu sein. Was dann im Einzelnen geschah, hat niemand beobachtet. Offensichtlich wollte die Kuh, ähnlich wie damals die meine, zurück in Dorf bzw. in ihren Stall. Das Seil löste sich nicht von der Hand des alten Mannes. Er stürzte und die Kuh schleifte ihn den ganzen langen Weg zurück ins Dorf, bis vor die Stalltür. Dort konnte dann nur noch sein Tod festgestellt werden.

 

Mich hatte der ehemalige Bürgermeister Johann Marx vor solch einem grauenvollen Tod bewahrt. Er selber musste in seinen alten Tagen auf eine so schreckliche Weise sterben.

 

Requiescat in pace – möge er ruhen in Frieden."


Anmerkung: Die Daten über Geburts- und Sterbetag, sowie über die Amtszeit als Bürgermeister und auch über die näheren Umstände seines Todes, ebenso wie auch das Foto, stellte mir freundlicherweise Herr Albert Härtl aus Hausheim zur Verfügung.

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