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Dienstag, 17. Januar 2012 08:30 Neumarkt

Vom Feuer in den Tod getrieben

METROPOLREGION: Vor 50 Jahren brach die größte Brandkatastrophe nach Ende des Zweiten Weltkriegs über Nürnberg herein: das "Ringkaufhaus" ging in Flammen auf. 22 Todesopfer waren zu beklagen, 16 von ihnen waren Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren. Erich Zwick, damals junger Journalist bei der "Fränkischen Tagespost", erlebte das Drama hautnah mit. Hier erinnert er sich.

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Der 17. Januar 1962 - ein Mittwoch. Obwohl es nicht kalt war, schien die Stadt in eine Art von Winterschlaf versunken zu sein. "Tote Hose" - und damit sollten wir, der Lokalchef Armin Schmidt und ich zwei Nürnberg-Seiten der Donnerstagausgabe füllen? Ein einziger Termin am Spätnachmittag - "Nürnberg sucht die flotteste Hausfrau" in der Messe am Stadtpark - war wohl mehr als Lückenfüller gedacht, was sich hinterher auch als solcher entpuppte.


Eine riesige Rauchsäule steht über dem Altstadtring von Nürnberg - verursacht durch den Großbrand im Ringkaufhaus.


Wegen der Straßenbahn-Oberleitung konnten nicht alle Drehleitern sofort ausgefahren werden. So ging wertvolle Zeit verloren

Während wir grübelten und über Themen sinnierten, die noch "nie" in einer Zeitung behandelt wurden, rissen uns durchdringende Martinshörner aus unserer "Nachdenkphase". Ein Löschzug nach dem andern, gefolgt von Sanitätsfahrzeugen und dazwischen Streifenwagen der Polizei - solch ein Aufgebot an Rettungswagen war ungewöhnlich und ohne Beispiel.

Wie elektrisiert fuhren Armin Schmidt und ich hoch, schnappten unsere immer bereit liegenden Fotogeräte, rafften Mäntel zusammen, die wir im Laufschritt anzogen und hinaus ging's zum Verlagshaus, vorbei am kopfschüttelnden Pförtner, hindurch durchs Fußgängertunnel und schon standen wir am Ring - vor uns ein riesiger Rauchpilz: das brennende Ringkaufhaus.


Zwanzig Opfer konnten nur noch tot geborgen werden; die meisten von ihnen waren Frauen

Die letzten paar hundert Meter legten wir noch einen Zahn zu, wurden von den uns bekannten Polizisten durch die provisorischen Absperrungen gelassen und schon standen wir vor dem Inferno. Unüberhörbar die verzweifelten Schreie der vom Feuer Eingeschlossenen und die beschwörenden Rufe der unten Stehenden: "Nicht springen, nicht springen". Aber die Bedauernswerten hatten nur die Wahl: Oben von den Flammen aufgefressen zu werden oder mit ein bisschen Glück den Sprung aus dem dritten Stockwerk zu überleben. Nur vier von ihnen landeten - teils verletzt - in den Sprungtüchern der Feuerwehr. Eine Frau, die sich nicht einfach fallen ließ, sondern sich vom Fenster abstieß, verfing sich im Gitter einer Pergola und fiel dann tot zu Boden: Schreckliche Bilder, bei denen sich selbst der Auslöser der Kamera sträubte, sie für die Nachwelt festzuhalten.


Bürgermeister Franz Haas (links) und Erster Staatsanwalt Hans Sachs (mit Fliege) machen sich ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe.

Während die Feuerwehrleute fieberhaft mit dem Ausfahren der Drehleitern beschäftigt waren - ein nicht ganz leichtes Unterfangen, weil der stromführende Fahrdraht der Straßenbahn schier unüberwindbare Probleme schaffte - gab's auch mal eine trostreiche Nachricht. Sechs vom Feuer Abgeschnittene, die sich im ersten Stock an einen schmalen Sims pressten, wurden von einem zufällig in der Nähe arbeitenden Turmwagen der städtischen Verkehrsbetriebe aufgenommen.

Zuvor hatte sich ein Lkw-Fahrer angeboten, mit seinem Wagen so nahe heranzufahren, dass die Eingeschlossenen aufs Dach hätten springen können. Die Polizei lehnte das Angebot ab und gab dem Turmwagen den Vorzug, was sich als bessere Lösung herausstellte, aber die Kritik der inzwischen auf ein paar tausend Zuschauer angewachsenen Menge hervorrief.


Sie sprang vom obersten Stockwerk in die Tiefe. Margret Lütke (21) überlebte ihn mit mittelschweren Verletzungen.

Auch über den Einsatz der Feuerwehr wurde an Ort und Stelle und auch noch lange nach dem schrecklichen Geschehen diskutiert. Selbst vier Jahre nach der Katastrophe musste sich der Kommandant vor Gericht die Frage gefallen lassen, weshalb er mit seinen Löschfahrzeugen nicht die vergitterten Türen eingerammt habe, um einen Fluchtweg zu schaffen. Die damalige Antwort: "Wir können doch nicht bei jedem Brand einen Wagen im Wert von 80.000 Mark wegwerfen". Heutzutage würde das Kopfschütteln hervorrufen; damals eine echte Sorge. Ringsum wurde das kriegszerstörte Nürnberg wieder aufgebaut und hier würde man neue Werte vernichten. Man hat eben darauf vertraut, mit konventionellen Mitteln die Menschen zu retten und nichts zu riskieren, was hinterher Ärger bereitet hätte.

Einer der lautesten Kritiker am damaligen Ort der Katastrophe war der Chef des benachbarten Autohauses Füglein. Er war einer, der den Brand als erster mit entdeckte und für den die Minuten bis zum Eintreffen der Feuerwehr wie eine Ewigkeit vorgekommen sein müssen. Wie traumatisiert von den Hilfeschreien trieb er zur Eile an, und als ihm alles zu langsam ging, improvisierte er eine "Pressekonferenz" vor der rauchenden Ruine.


Die engsten Angehörigen nehmen Abschied von den vor dem Glockenturm im Südfriedhof aufgebahrten Toten. Mehr als 10.000 Bürger zeigten ihre Anteilnahme

Inzwischen hatten sich auch die Stadtspitzen eingefunden, allen voran Bürgermeister Franz Haas und Erster Staatsanwalt Hans Sachs, später einem Millionen-Fernsehpublikum bekannt geworden als scharfsinniger Fragesteller bei Robert Lembkes Ratespiel "Was bin ich?". Und mit ihnen viele, die echte Betroffenheit zeigten. Noch am Abend wehten in Nürnberg die Fahnen auf Halbmast und in einer "Notverordnung" verfügte der damalige Bayerische Innenminister Alfons Goppel ein Tanzverbot bis Samstag, 21. Januar.

Am Tag der Katastrophe reichten die zwei Seiten Lokalteil nicht aus; die Chefredaktion genehmigte noch eine dritte, und auch an den folgenden Tagen waren die Brandkatastrophe und ihre Folgen das bestimmende Thema in den Zeitungen. Jeder wollte natürlich wissen, wie es dazu kommen konnte. Zwei Tage nach dem Brand wurde ein 29jähriger Arbeiter festgenommen, der trotz Verbots im Keller des Ringkaufhauses, das nicht mehr als Einkaufstätte, sondern als Lager für den im Umbau befindlichen Kaufhof diente, geraucht hatte. In der Gerichtsverhandlung wurde der sechsfache Familienvater, dessen Ehefrau das siebente Kind erwartete, "mangels Beweisen" freigesprochen. Dafür wurde der Hausinspektor zu 15 Monaten Haft verurteilt.

Zwanzig Särge standen zwei Tage nach dem Unglück vor dem Glockenturm auf dem Südfriedhof zu einer zentralen Trauerfeier, bei der weit über 10.000 Bürgerinnen und Bürger Abschied nahmen. Die Straßenbahn musste Sonderwagen einsetzen, um dem Zuspruch gerecht zu werden. Schon vor Beginn der zu Herzen gehenden Zeremonie fielen reihenweise trauernde Angehörige um und mussten von Sanitätern versorgt werden. Unter den prominenten Gästen, die ihre Verbundenheit mit der Stadt und ihrem Oberbürgermeister Dr. Andreas Urschlechter, der die Gedenkrede hielt, bekundeten, waren Innenminister Alfons Goppel, Justizminister Albrecht Haas, Mittelfrankens Regierungspräsident Karl Burghardt und Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel. Zu diesem Zeitpunkt rangen noch zwei der Opfer mit dem Tod; sie erlagen ihren schweren Verletzungen am Samstag und Montag nach der Trauerfeier im städtischen Krankenhaus.

Ihnen war nicht die Genesung gegönnt, die die 21 Jahre junge Margret Lütke erfahren durfte. Auf der Suche nach Überlebenden - 31 von 55 so die spätere "Bilanz" konnten entweder vor den Flammen fliehen oder wurden gerettet - stieß ich in der Klinik an der Flurstraße auf sie.
Sie war vom obersten Stock in die Tiefe gesprungen. "Ich sprang einfach ins Leere - ein Glück, dass ich das Sprungtuch nicht verfehlte." Das war alles, was sie damals sagen konnte.

Was sie und die anderen 30 Geretteten wohl heute sagen werden - exakt 50 Jahre nach ihrem zweiten Geburtstag?

Text und Fotos: Erich Zwick

Bild zur Nachricht:Vom Feuer in den Tod getrieben
Feuerwehrleute aus der ganzen Stadt kämpfen gegen das Inferno an

Spruch des Tages

Begegnest du der Einsamkeit - hab keine Angst!
Sie ist eine kostbare Hilfe, mit sich selbst Freundschaft zu schließen.
Aus Tibet

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